Epilog

Bereits geraume Zeit zurück in Deutschland stoße ich beim Googeln zufällig auf den Reisebericht eines Einzelgängers, der ungefähr vier Wochen nach uns in Hornstrandir unterwegs war. Der arme Kerl hat Hornstrandir im Wesentlichen bei Nebel, Regen und Sturm erlebt. Und trotzdem, so schreibt er, sei ihm die Wanderung in guter Erinnerung geblieben. Beneidenswerte Frohnatur. Natürlich muss man auf Island immer mit schlechtem Wetter rechnen. Und auch wir wurden davon nicht verschont, haben neben überwiegend freundlichen Tagen auch Regen, Nebel und kräftigen Wind erlebt. Doch hätten wir die grandiosen Ausblicke auf die majestätischen Fjorde und Buchten, die eindrucksvollen Steilklippen, die saftig grünen Wiesen mit den unzähligen Wildblumen nicht gehabt, es wäre nur halb so schön gewesen. Deshalb bin ich dankbar, dass wir solches Wetterglück hatten.

Auch habe ich einen Bericht gelesen, dessen Schreiber sein "sehr persönliches Fazit" zog: habe man einen Fjord gesehen, habe man alle gesehen, es gebe keine Höhepunkte auf der Tour, insgesamt lohne die Schinderei mit dem schweren Rucksack nicht. Man solle sich lieber mit dem Boot in eine der Buchten bringen lassen und von dort aus Tagestouren mit leichtem Gepäck unternehmen.

Ich kann diese Meinung nicht teilen. Für mich waren jede Bucht, jeder Fjord, jeder Pass, jeder See einzigartig. Natürlich ähneln sie einander, das liegt in der Natur der Sache. Auch Musikstücke ähneln einander, alle bestehen sie aus Klängen. Und trotzdem ist jedes Musikstück einzigartig.

Alle haben wir am Ende der Tour eingestanden, dass es Momente gab, in denen man sich gefragt hat, welcher Teufel einen geritten habe, so etwas zu tun. Und doch wollte im nachhinein keiner die Erlebnisse auf unserem Trek missen. Wir werden wohl Wiederholungstäter werden. Zu Fuß auf der berühmten Sprengisandur durchs Hochland Islands, durch den Sarek in Nordschweden, es gibt noch viele lohnenswerte Ziele. Das Wann und Wohin stehen noch nicht fest, aber dass wir es tun werden, das schon.

Viel Bewegung, viel Schlaf, wenig Essen, kaum Alkohol. Mit einem Wort: (k)ein Wellness-Urlaub. 130 Kilometer über Stock und Stein, durch oft wegloses Gelände, zwei bis drei Pässe pro Tag, oft von Meereshöhe auf drei- bis fünfhundert Meter hinauf und wieder hinunter, auf dem Rücken ein 25-Kilo-Rucksack: das alles zeigt Wirkung. Fast vierzehn Pfund verlorenes, einst überflüssiges Fett konnte ich am Ende der Tour verbuchen. Ich werde mir die Hornstrandir-Diät patentieren lassen. Sieben Kilo in elf Tagen. Garantiert. Und man kann soviel essen, wie man (tragen) will.

Das wichtigste aber ist, die Erfahrung mitgenommen zu haben, dass es noch geht. Obwohl ich mir für die nächste derartige Unternehmung fest vorgenommen habe, mit dem Rucksackgewicht unter 20 Kilogramm zu bleiben...

Informationen zu Hornstrandir

Hornstrandir ist der nördlichste Zipfel der Westfjorde, abgetrennt durch eine schmale, knapp sechs Kilometer breite Landbrücke zwischen Hrafnfjörður und Furufjörður. Die Landschaft ist durch tief eingeschnittene Fjorde und Buchten gekennzeichnet, die die Küste stark zerklüften. Im Innern der Fjorde findet man saftige Niederungen, die aber unvermittelt in steil aufragende Berge übergehen.

Hornstrandir zählt geologisch zu den ältesten Teilen Islands, es gibt hier keinen Vulkanismus und keine Thermalquellen. Die Hauptgesteinsart ist dunkler Basalt. Die Berge und Hochebenen sind steinig und vegetationsarm, oft aber ohne jeden Bewuchs.

Bis in die fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts war Hornstrandir stellenweise recht dicht besiedelt (z.B. Hesteyri), aber als der Hering, die Lebensgrundlage der Fischer, ausblieb, wanderten nach und nach alle ab. Verlassene und verfallene Gehöfte und kleine Friedhöfe mit völlig überwucherten Gräbern sind stumme Zeugen aus jenen Tagen.

Wer auf Hornstrandir wandern will, hat zwei Möglichkeiten. Entweder lässt man sich mit dem Boot nach Hesteyri oder Látravik fahren und unternimmt von dort aus Tageswanderungen mit leichtem Gepäck. An den genannten Orten sind einfache Unterkünfte vorhanden, man sollte sich aber auf jeden Fall voranmelden. Oder man packt alles, was man zum Leben braucht, in seinen Rucksack und begibt sich auf Schusters Rappen in die wilde Landschaft. Für mich die authentischere Art, dieses urwüchsige Land zu erleben. Man sollte aber bedenken, dass es unterwegs keine Möglichkeit gibt, seine Vorräte aufzufüllen (außer einem Bier vielleicht). In Notfällen ist man auf sich allein gestellt, Mobilfunkempfang ist eingeschränkt nur an wenigen Punkten möglich. Man kann sich, gerade südlich von Látravik, auch nicht darauf verlassen, unterwegs Menschen zu treffen. Gründliche Vorbereitung, eine einigermaßen gute Kondition und die Fähigkeit, im Notfall improvisieren zu können, sind in dem oft weglosen Gelände unerlässlich.

© Hartmut Schlichter

Die Garmin-kompatiblen GPS-Daten können hier heruntergeladen werden.

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